Na ....wir!
Sich sexy fühlen.
Nicht: Wie sehe ich für dich aus?
Sondern: Wie fühle ich mich in mir?
Vielleicht ist sexy ein kleines Ja zum eigenen Körper.
Ekel · Mikrobiom
Beim Mikrobiom wird es biologisch richtig spannend, weil es eine sehr einfache Vorstellung vom Menschen zerlegt:
Der Körper ist nicht einfach ein abgeschlossener Organismus, der sich gegen eine schmutzige Außenwelt verteidigt.
Er ist selbst Lebensraum.
Haut, Mund, Darm und andere Körperregionen tragen ihre jeweils eigenen Gemeinschaften von Mikroorganismen. Bakterien gehören dazu. Pilze. Archaeen. Viren.
Und nein: Wir bestehen nicht, wie lange erzählt wurde, aus zehnmal mehr Bakterienzellen als menschlichen Zellen. Die Größenordnungen liegen viel näher beieinander.
Keine Volkszählung. Eine wissenschaftliche Abschätzung.
Der größte Teil unserer Bakterien sitzt im Dickdarm. Dort verarbeiten Mikroorganismen unter anderem Bestandteile unserer Nahrung, die unsere eigenen Enzyme nicht vollständig zerlegen können. Dabei entstehen Stoffwechselprodukte, auf die wiederum unser Körper reagieren kann.
Die Mikroben helfen uns dabei nicht aus Nächstenliebe. Sie leben. Sie fressen. Sie vermehren sich. Sie konkurrieren. Manche profitieren voneinander, andere behindern sich.
Und mitten in diesem ziemlich unromantischen Durcheinander kann etwas erstaunlich Stabiles entstehen: ein Ökosystem.
Das Immunsystem hat deshalb ein schwierigeres Problem als „fremd = weg“.
An unseren Schleimhäuten muss es unterscheiden: Was darf hier sein? Was muss begrenzt werden? Was ist tatsächlich gefährlich? Wann muss eine Reaktion beginnen?
Unsere Grenzen sind deshalb keine Betonmauern. Sie sind Kontaktflächen.
Eine gesunde Haut ist nicht dadurch gesund, dass auf ihr nichts lebt. Ein gesunder Darm ist kein desinfiziertes Rohr. Und ein Bakterium trägt keinen kleinen Aufkleber mit gut oder böse.
Ort, Menge, Umgebung, Nachbarn und der Zustand des Menschen spielen mit hinein. Was an einer Körperstelle völlig gewöhnlich sein kann, kann an einer anderen zum Problem werden.
Biologie liebt Zusammenhänge offenbar mehr als Schubladen.
Und dann steht da der Ekel.
Evolutionär betrachtet ziemlich praktisch. Verdorbenes Essen. Erbrochenes. Ausscheidungen. Dinge, bei denen Abstand das Überleben unserer Vorfahren durchaus verbessert haben dürfte.
Der Körper braucht dafür keine PowerPoint-Präsentation. Manchmal reicht ein Geruch. Der Magen antwortet bereits, während der Kopf noch überlegt.
Nein.
Das Problem: Ekel ist schnell. Aber nicht besonders präzise.
Ein grobes Warnsystem kann seine Zuständigkeit erweitern. Von einer möglichen Kontamination zum Körper – und vom Körper zum Menschen.
Das ekelt mich.
Du bist eklig.
Das sind zwei vollkommen verschiedene Aussagen.
Der erste Satz beschreibt eine Reaktion in mir. Der zweite legt sie auf einen anderen Menschen.
Für Pflege ist genau dieser kleine Abstand interessant. Eine Pflegekraft besitzt weiterhin Nase, Magen und Nervensystem. Professionalität kann kaum bedeuten, nichts zu empfinden.
Vielleicht bedeutet sie: Ich merke, was mein Körper meldet – und entscheide trotzdem, wie ich dir begegne.
Handschuhe, Händehygiene und Infektionsschutz bleiben selbstverständlich sinnvoll. Aber „Mikrobe“ und „Gefahr“ sind nicht dasselbe Wort.
Ausgerechnet der Mensch, der sich vor „Keimen“ ekelt, trägt selbst ununterbrochen mikroskopisches Leben mit sich herum. Nicht als Fehler. Nicht als mangelnde Körperpflege. Sondern als normalen Teil menschlicher Biologie.
Vielleicht müssen wir Ekel deshalb nicht abschaffen. Vielleicht reicht es, ihn genauer werden zu lassen.
Das Mikrobiom liefert darauf keine Lebensweisheit. Es liefert etwas Besseres: einen ziemlich guten Grund, unsere Vorstellung vom isolierten Menschen zu überprüfen.
Wir sind klar begrenzte Individuen. Und gleichzeitig stehen unsere Körper fortwährend im Austausch mit anderem Leben.
Beides stimmt.
Gesundes Leben braucht Abgrenzung und Verbindung. Eine Grenze, die nichts unterscheiden kann, schützt schlecht. Eine Grenze, die überhaupt keinen Austausch zulässt, wäre für einen lebenden Organismus ebenso wenig brauchbar.
Biologie.