Wandschatten

Essen lernt man

Essen beginnt nicht mit Kalorien.

Es beginnt mit Nähe.

Mit Wärme.
Mit Haut.
Mit einer Brust, an der ein Kind nicht nur Nahrung findet, sondern Mama, ........................,.....Herzschlag, Geruch, Stimme und Sicherheit.

Du brauchst keine Angst zu haben.

Vielleicht ist das einer der ersten Sätze, die ein Körper überhaupt versteht – lange bevor Sprache beginnt.

Am Anfang gibt es Hunger, Sättigung, Geschmack und Geborgenheit. Dann kommen Löffel, Tisch, Uhrzeiten, Familie, Kultur und Regeln.

Noch ein Löffel für Oma.
Der Teller wird leer gegessen.
Süßes gibt es zur Belohnung.
Wer stark sein will, verzichtet.

Irgendwann weiß ich nicht mehr genau, was eigentlich mein Magen gesagt hat und was mir beigebracht wurde.

Dabei beginnt Essen mit Neugier.

Etwas anfassen.
Riechen.
Ablecken.
Ausspucken.
Noch einmal probieren.

Auch Menge wird gelernt.

Wie viel brauche ich?
Wann bin ich satt?
Wann esse ich weiter, weil es gut schmeckt, weil andere noch essen, weil etwas übrig bleibt – oder weil heute einfach ein zweites Stück Kuchen dran ist?

Und irgendwo taucht dieser berühmte Schweinehund auf.

Vielleicht sollte man ihn erst einmal suchen, bevor man ihn bekämpft.

Ist es wirklich Bequemlichkeit?
Oder Gewohnheit? Einsamkeit? Stress? Schmerz? Trost? Kontrollverlust? Kontrolle?

Wir machen aus Essen erstaunlich schnell eine Charakterfrage.

Diszipliniert. Undiszipliniert.
Gut. Schlecht.
Gesund. Ungesund.

Und dann kommt die Angst.

Angst vor Zucker.
Angst vor Fett.
Angst vor Gewicht.
Angst vor dem eigenen Hunger.

Angst gehört nicht auf den Teller.

Vielleicht gehört dort manchmal eher wieder etwas von dem hin, was am Anfang einmal selbstverständlich war:

Wärme.
Ruhe.
Nähe.
Jemand, der nicht drängelt.

Und vielleicht dieser alte Satz, den der Körper schon kannte, bevor er ihn verstehen konnte:

Du brauchst keine Angst zu haben.

Information gehört dazu. Erfahrung auch. Und manchmal braucht ein Mensch Hilfe dabei, Hunger, Sättigung und den eigenen Körper wieder kennenzulernen.

Denn Essen kann aus dem Gleichgewicht geraten. Zu viel, zu wenig, gar nicht, heimlich oder nur noch nach Regeln. Eine Essstörung ist kein Mangel an Vernunft und kein verlorener Kampf gegen einen Schweinehund.

Dann braucht es mehr als einen Ernährungstipp.

Der Magen ist schließlich nicht nur ein Behälter, den wir möglichst korrekt füllen müssen.

An ihm hängen Lernen, Erinnerung, Lust, Gemeinschaft – und vielleicht noch ein Rest jener ersten Wärme, in der Essen einmal einfach bedeutete:

Hier bist du sicher.